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Gespräch

Gespräch

Rethink the System

Probleme sind nur eine Gelegenheit, nach Lösungen zu suchen.

Barbara Fellmann und Claire D’Orsay sprechen über die Verlangsamung des Ressourcenflusses, Systemrelevanz und zirkuläre Geschäftsmodelle. Das Gespräch führte Mareike Strelitz.

Ein System ist ein aus mehreren Einzelteilen zusammengesetztes Ganzes. Ein Prinzip, eine Art Ordnung oder Anordnung von miteinander verbundenen Elementen. Alle einzelnen Bestandteile sind theoretisch für ein künstliches, von Menschen konstruiertes System relevant. Ansonsten wären sie kein Teil dieses Systems, oder? Seit Beginn der weltweiten Corona-Pandemie ist uns das Wort „systemrelevant“ so häufig wie nie zuvor begegnet: Was ist lebensnotwendig, aber nicht für das Fortbestehen eines Systems zwingend erforderlich? Über die Sicherstellung der Grundbedürfnisse wird man sich schnell einig, aber dann wird es schon schwierig und kontrovers mit der Auswahl. 

 

Ist ein Bilderrahmen relevant, ist er bedeutsam für die Gesellschaft, in der wir aktuell leben? Als einzelnes und reines Produkt betrachtet, sicherlich nicht. 

 

»Der Kunstmarkt ist der einzige Markt, der nicht reguliert wird. Niemand kann abstreiten, dass der Bilderrahmen- und Kunstmarkt Luxus ist, das heißt, Kunst in seinem Zuhause aufzuhängen.« (C)

 

Setzt man ihn in Beziehung zu seinem Umfeld, der Kunst- und Kulturbranche, und betrachtet das verantwortliche Unternehmen, ist die Antwort eventuell eine andere bzw. werden ganz neue Perspektiven auf die Beantwortung dieser Frage eröffnet. 

 

»Es gibt einen klaren Bildungs- und Konservierungsauftrag. Der Mensch kann ohne den Akt des Schaffens, des Kreierens nicht sein.« (B)

 

Der unermüdliche Bedarf nach Produkten, Besitz und Konsum wird systematisch gefördert. Die Folgen sind bekannt. 

 

»Wenn wir es nicht schaffen, von der gesellschaftlichen Einstellung abzurücken, dass Erfolg nur in Form von Geld ausgedrückt wird, dann werden wir es nicht schaffen. Es geht immer noch nur um Geld und Macht in unserem System. Das klingt pessimistisch, aber das ist die aktuelle Situation.« (C)

 

Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass wir das künstliche, weil von den Menschen selbst erschaffene, System wieder verändern und positiv beeinflussen können: The next generation of business. Von linear zu zirkulär: Die Abfallwirtschaft wird zu einer Kreislaufwirtschaft, und Wertschöpfungsketten werden organisationsübergreifend zu ressourcenschonenden Netzwerken gespannt. Die Umsetzung ist eine umfängliche Aufgabe, aber die größte Herausforderung liegt in der Veränderung der traditionellen Denkweisen von Regierungen, Unternehmen und Menschen. 

 

»Die Nachhaltigkeitsbranche ist noch so klein und sie hat immer noch diesen grünen Anstrich. Der Nachhaltigkeit fehlt einfach die Lobby.« (B)

 

Ein neues Produkt oder eine Dienstleistung auf dem weißen Blatt Papier unter Berücksichtigung dieser Anforderung zu konzipieren ist sicherlich eine andere Herausforderung als ein handwerkliches Unternehmen und ein klares Produkt immer wieder zu überdenken sowie kategorisch herauszufordern: 

 

Die Verengung von Kreisläufen, das bedeutet, den Ressourcenbedarf für die Herstellung von unseren Bilderrahmen zu reduzieren, aber auch regelmäßig zu hinterfragen und die Energie- und Materialeffizienz in der Herstellung kontinuierlich zu verbessern. Die meisten Abfälle fallen immer noch in der Baubranche an. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Altholzleisten, aus denen wir auch Bilderrahmen bauen, aus ausrangierten Altbautüren, Fußböden, Dachbalken etc. gebaut werden. Abfall wird somit vermieden, und wir können das Holz in eine weitere Runde des Stoffkreislaufs schicken. Das Upcyling ist die Aufbereitung von entsorgten Materialien, die eine neue Funktion bekommen und in ihrem Wert gesteigert werden.

 

Eine weitere Möglichkeit für die Verengung vom Produktionskreislauf sehen wir in der Rücknahme von Bilderrahmen, egal von welchem Hersteller. So können zumindestens der Abfall reduziert und einige Materialien wiederverwendet werden: das Prinzip der Umverteilung, auch bekannt als das Flohmarkt-Prinzip. Technisch wäre es einfach, eine Art Register zu schaffen, das einen Überblick über ungenutzte Leisten und Restbestände gibt. Bevor neue Leisten produziert werden, könnten diese erstmal aufgebraucht werden.

 

»Es gibt so viele Materialien, die bereits produziert wurden. Wir kennen das aus der Fashion-Industrie: Das Lager ist immer voll, und es wird nicht auf Anfrage produziert, wie es beispielsweise in Japan gemacht wird. In alten Läden, in Kellern von Privathaushalten, überall sind ungenutzte Rahmen und Leisten zu finden.« (C) 

 

»Eine europaweite Katalogisierung ist eine zeitintensive Aufgabe und ohne finanzielle Unterstützung bisher noch nicht für uns umzusetzen.« (B)

 

Die Schließung von Kreisläufen, das ist unsere größte Herausforderung: der perfekte Kreislauf nach dem Cradle-to-Cradle-Konzept (Braungart/McDonough 2014). Konsequent umgesetzt bedeutet es, dass alle Materialien recycelt werden können und sich in unzähligen Stoffkreisläufen befinden. 

 

»Es passiert nicht so häufig, dass ich das Gefühl habe, dass ich über etwas mehr wissen und lernen möchte. Die ganze Nachhaltigkeitsthematik begeistert mich aber so sehr, dass ich gerne tiefer einsteigen würde. Vor allem technische Aspekte faszinieren mich.«(C)

 

Eine Welt ohne Müll, das ist die Vision. Über 80 Prozent des Umwelteinflusses eines Produkts werden bereits im Designprozess entschieden, aber einen perfekten Kreislauf können wir bisher nicht bei allen in der Rahmenproduktion verwendeten Materialien umsetzen. 

 

»Ich denke, dass bei der B-Corp-Zertifizierung genau diese Schritte durchlaufen werden und du dein eigenes Unternehmen durchgehst und überlegst: Welche Schritte kannst du machen, um es anzupassen. Es gibt ja auch Ideen von uns, aber die finanzielle Umsetzung ist wirklich einfach schwierig. Und die Unterstützung von Seiten der Politik (der Wirtschaft) fehlt. Gerade kleinere Unternehmen sind vielleicht flexibler, neue Wege einzuschlagen, aber es fehlen ihnen der finanzielle Rahmen und die Unterstützung, um hier innovativ zu werden.« (B)

 

Vor allem die genutzten Kartons können nicht vollständig wiederverwendet werden, da sie konservatorische Standards erfüllen müssen. Die meisten Papiere bestehen nicht zu hundert Prozent aus Baumwollfasern, sie sind also nicht säure- und pH-neutral. Im Papierreycling-Prozess treffen unterschiedliche Papiersorten aufeinander, und die verlangte pH-Neutralität kann im Endprodukt nicht gewährleistet werden. Säure, die teilweise in einfachen Papieren und Kartons steckt, kann ein Kunstwerk und die Farben darin angreifen und durch chemische Prozesse langfristig verändern. Eine dauerhafte Farbechtheit und Unversehrtheit kann nur mit säurefreien Kartons in Museums- und Archivqualität garantiert werden. Ein spezieller Recyclingprozess für ausschließlich konservatorische Papiere und Kartons ist uns bisher leider nicht bekannt.

 

Beim Glas hingegen ist die Wiederverwendung theoretisch möglich, weil es zu hundert Prozent recycelt werden kann. Unsere Glasabfälle sind überschaubar, da wir Restglas für kleinformatige Wechselrahmen verwenden können. Trotzdem bleibt ein Rest, der nach Spezifikationen sortiert und anders recycelt werden muss als Verpackungsglas im Altglas-Container. Hier liegt die momentane Herausforderung in der Logistik und in der Menge der Abfälle. Es gibt spezielle Recyclinghöfe, die sich nur mit Glas beschäftigen. Diese bereiten das Glas auf, sortieren es erneut, entfernen Fremdstoffe und geben es als Sekundärrohstoff an Glashütten weiter. Energetisch gesehen hat es die bessere Bilanz, da weniger Energie aufgewendet werden muss als bei der Glasherstellung aus Primärrohstoffen. Hier könnten erste, vage Ansatzpunkte für eine Kreislaufwirtschaft stecken, aber der Einfluss ist noch gering. Der größere Hebel liegt für uns daher weiterhin in der Reduzierung der Glasabfälle, aber eine Kooperation mit einem Glasgroßhandel, der einen speziellen Recyclingcontainer unterhalten könnte, wäre perspektivisch wünschenswert.

 

In der Verlangsamung von Kreisläufen liegt im Handwerk im Gegensatz zu den meisten Unternehmen ein großer Einflussfaktor: Durch die Verwendung von hochwertigen Materialien und der Verarbeitung per Hand wird der Ressourcenfluss bereits im Entstehungsprozess langsam begonnen. Die hochwertige Verarbeitung setzt gezielt auf Langlebigkeit, und die Verlängerung der Nutzungsdauer kann durch individuelle Reparaturen stark verlängert werden. Diese Verlangsamung des Ressourcenflusses ist so gesehen das Urprinzip des Handwerks. Die Langlebigkeit spiegelt sich für den Konsumenten im Preis wieder, was aber langfristig gedacht nicht zwangsläufig kostenintensiver sein muss. Unternehmen, die bewusst kürzere Produktlebenszeiten verfolgen, müssen beispielsweise in Frankreich mit gesetzlichen Sanktionen rechnen. In Deutschland fehlen positive Mechanismen, die nachhaltiges Konsumverhalten belohnen, wie beispielsweise in Schweden, das Steuererleichterungen bei Reparaturen eingeführt hat. Ohne staatliche Regulierungen für Unternehmen wird es bei der Umsetzung und den Anforderungen der Suffizienz nicht gehen. 

 

»Das Haus gefällt mir nicht mehr oder es ist alt und aus den 70ern. Zack, abgerissen und neugebaut. Und so wiederholt sich das in immer kürzeren Produktlebensläufen. Eigentlich sollte es verboten sein, einfach Häuser abzureißen und neu zu bauen. Das ist eine Energiesünde. Umbau und Sanierung sind eigentlich der bessere Weg. Das ist vergleichbar mit unserer Wegwerfgesellschaft bei Konsumgütern. Der Bund könnte dafür Anreize schaffen, die eine Sanierung begünstigen.« (B)

 

Momentan sieht die Politik keinen Handlungsbedarf, weil sie der Auffassung ist, niemandem einen minimalistischen Lebensstil diktieren zu können. Ob sich die Einstellung nach der Bundestagswahl ändert, bleibt abzuwarten. Aber wenn wir mal ehrlich sind, welches Individuum verzichtet schon gerne? Nur jemand, der zufrieden ist mit dem, was er hat. Das genau beschreibt auch das lateinische Verb sufficere, das in Suffizienz steckt und so viel wie „ausreichen“, „genügen“ heißt. 

 

»Frameworks war eine natürliche, intuitive Entwicklung hin zu einem Angebot von einem nachhaltigen Produkt, bevor Nachhaltigkeit hip war. Ich mag diese Erfahrung, dass du gefühlt dein ganzes Leben etwas gemacht hast und dann sagt dir jemand, das ist übrigens nachhaltig. Cool, jetzt habe ich ein Wort dafür.« (C)

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